Eine Woche Verantwortung: Pflege-Azubis leiten Wohnbereich
Erfolgreiches Kooperationsprojekt der AWO Unterfranken und Julius Care setzt Impulse für die Pflegeausbildung
Eine Woche lang haben 26 Pflege-Auszubildende Verantwortung übernommen – und eindrucksvoll gezeigt, was in ihnen steckt: Im Rahmen des Projekts „Schüler*innen leiten einen Wohnbereich“ übernahm eine Examensklasse eigenverantwortlich die Organisation und Versorgung eines Wohnbereichs im AWO Marie-Juchacz-Haus. Das gemeinsame Projekt der AWO Unterfranken und der Berufsfachschule für Pflege Julius Care wurde von allen Beteiligten als großer Erfolg bewertet – und hat das Potenzial, sich als Leuchtturmprojekt in der Region zu etablieren.
Praxisnah lernen – Verantwortung übernehmen
Über den Zeitraum vom 13. bis 20. März übernahmen die Auszubildenden der Abschlussklasse die vollständige Organisation eines Wohnbereichs – von der Dienstplanung über die Betreuung bis hin zur Reflexion. In Vorbereitung organisierten sie sich eigenständig in Teams und entwickelten ein gemeinsames Umsetzungskonzept. Das Projekt ermöglichte es den Auszubildenden, Verantwortung im realen Pflegealltag zu übernehmen, ihre fachlichen Kompetenzen weiterzuentwickeln und ihr Selbstvertrauen für den Berufseinstieg nachhaltig zu stärken. Auch für die Auszubildenden selbst war die Woche eine prägende Erfahrung. Anurag Mohanan Mini, der im Projekt die Rolle der Wohnbereichsleitung übernommen hatte, beschreibt, wie sich seine anfängliche Unsicherheit im Verlauf der Woche wandelte: Zu Beginn sei er unsicher gewesen im Umgang mit den Senior*innen, habe jedoch schnell Sicherheit gewonnen – eine Erfahrung, die ihm „viel Sicherheit für den weiteren Berufsweg“ gebe, so Mohanan Mini.
AWO-Projektverantwortliche Kristin Kellermann ergänzt: „Für uns hat das Projekt eine besondere Bedeutung: Wir wollten ermöglichen, dass Auszubildende verschiedener Träger gemeinsam Verantwortung übernehmen und dabei auch die Arbeit der AWO sowie unser besonderes Wohngruppenkonzept kennenlernen. Gleichzeitig bringen unsere hausinternen Auszubildenden ihre Erfahrungen aktiv als Ansprechpersonen ein.“
Wertvolle Erfahrungen – auch über Herausforderungen hinaus
In der täglichen Praxis konnten die Auszubildenden nicht nur ihre fachlichen Fähigkeiten unter Beweis stellen, sondern auch wichtige soziale Kompetenzen weiterentwickeln. „Was die Auszubildenden hier lernen, geht weit über den regulären Ausbildungsalltag hinaus: Sie übernehmen Verantwortung unter realen Bedingungen, arbeiten eigenständig im Team und entwickeln wichtige Lösungskompetenzen für ihren späteren Berufsalltag“, betont die projektleitende Lehrkraft Louisa Bivona. Dabei wurde auch deutlich: Die Zusammenarbeit in einer heterogenen Gruppe bringt Herausforderungen mit sich. Unterschiedliche Erfahrungen und Arbeitsweisen führten vereinzelt zu Konflikten – zugleich boten gerade diese Situationen wertvolle Lernmomente im Umgang miteinander und stärkten die Teamfähigkeit. Für viele Auszubildende habe sich durch das Projekt auch die Sicht auf den Pflegeberuf weiterentwickelt. Mohanan Mini betont, dass Pflege für ihn weit über die reine Aufgabenerfüllung hinausgehe: „Für mich ist Pflege nicht nur ein Beruf, sondern eine Arbeit, die stark mit Gefühlen verbunden ist. Es geht nicht nur darum, Aufgaben zu erledigen, sondern darum, mit Menschen zu arbeiten, ihnen Aufmerksamkeit zu geben und ihnen mit Respekt und Empathie zu begegnen.“ Diese persönliche Entwicklung unterstreicht den besonderen Mehrwert des Projekts für die berufliche Identitätsbildung.
Souveräner Umgang mit Menschen mit Demenz
Ein besonderer Schwerpunkt des Projekts lag auf der Betreuung von Menschen mit Demenz. Anfangs äußerten viele Auszubildende Unsicherheiten im Umgang mit herausfordernden Situationen – die sich im Verlauf der Woche nicht bestätigten. „Die Auszubildenden haben sich sehr schnell auf die Bewohner*innen eingelassen und einen sicheren sowie empathischen Umgang gezeigt. Es war beeindruckend zu sehen, wie souverän sie mit den Anforderungen umgegangen sind“, berichtet Winnie Sharifi, Wohnbereichsleitung im Marie-Juchacz-Haus. Auch Pflegedienstleitung Michaela Rzegotta zeigt sich überzeugt: Die Auszubildenden hätten die Betreuung der Bewohner*innen mit großem Engagement und hoher Sensibilität gestaltet. Besonders erfreulich: Zwischen Auszubildenden und Bewohner*innen entstanden spürbare Beziehungen, die den Alltag für beide Seiten bereicherten. So wurde das Projekt auch bei den Senior*innen sehr positiv aufgenommen: Strahlende Gesichter und eine spürbar lebendige Atmosphäre im Wohnbereich zeigten, wie sehr die Woche den Alltag belebte. Auch das im Marie-Juchacz-Haus gelebte Wohngruppenkonzept wurde von den Auszubildenden als besonders bereichernd wahrgenommen. Anurag Mohanan Mini hebt hervor: „Das Wohngruppenkonzept habe ich als etwas sehr Positives erlebt. Im Vergleich zu anderen Pflegeeinrichtungen haben die Bewohner*innen hier die Möglichkeit, ihren Alltag aktiv mitzugestalten. Sie leben hier wirklich ihr Leben.“ Auch Sascha Beer, der im Projekt die Rolle des Pressesprechers übernommen hatte, zeigt sich beeindruckt von der gelebten Praxis im Haus: „Die große Überraschung für mich hier im Marie-Juchacz-Haus war, dass der Fokus wirklich auf den Bewohner*innen liegt. Das Wohngruppenkonzept funktioniert hier nicht nur auf dem Papier, sondern wird im Alltag konsequent gelebt.“
Erfolgreicher Abschluss und Ausblick
Die Mitarbeitenden des Hauses zeigten sich durchweg beeindruckt vom Engagement der Auszubildenden. „Die Gruppe hat frischen Wind in den Wohnbereich gebracht und sich schnell in ihre Rollen eingefunden“, so die Einschätzung aus dem Team. Praxisanleiterin Anja Welzenbach beobachtete dabei kontinuierliche Fortschritte: Die Auszubildenden entwickelten sich im Verlauf der Woche sichtbar weiter und gewannen zunehmend Sicherheit in ihren Aufgaben. Auch anfängliche Skepsis im Team wich schnell großer Anerkennung. „Die Erfahrung war für alle Beteiligten horizonterweiternd“, resümiert Michaela Rzegotta. Besonders hervorgehoben wird dabei auch das Engagement von Wohnbereichsleitung Winnie Sharifi, die das Projekt maßgeblich unterstützt und im Team verankert hat.
Den Abschluss des Projekts bildete eine gemeinsame Reflexionsrunde sowie ein Abschlussfest, bei dem alle Beteiligten auf eine intensive und erfolgreiche Woche zurückblickten. Ein zentrales Fazit: Das Projekt bietet für alle Beteiligten einen hohen Mehrwert – fachlich, persönlich und im Hinblick auf die zukünftige Zusammenarbeit. Vor dem Hintergrund der generalistischen Pflegeausbildung ist das Projekt in dieser Form bislang erst zum zweiten Mal in Würzburg und Umgebung umgesetzt worden – und eines der wenigen Beispiele außerhalb des klinischen Bereichs. Die Projektverantwortlichen sind sich einig: Das Modell soll weitergeführt und ausgebaut werden. Ziel ist es, künftig mehr Auszubildende und Einrichtungen für die Teilnahme zu gewinnen. Für den AWO Bezirksverband Unterfranken steht bereits fest: Dies war die erste, aber sicherlich nicht die letzte Teilnahme an diesem besonderen Ausbildungsprojekt.




